Die letzten Söhne des Nordens

15. Februar 2010 olegerlach

weiteres unter www.ole-gerlach.de

© Ole Gerlach

Leseprobe 1

Schon seit Stunden schlich Ulfgard durch den Wald. Noch hatten ihm die Götter kein Jagdglück beschert. Mehrfach war er auf Rehe oder Kaninchen gestoßen, doch entweder war er zu schwach den Speer weit genug zu werfen oder die Beute entwischte ihm und er musste, geschwächt wie er war zurückbleiben.

An der Quelle eines kleinen Baches fand er einen Strauch mit Brombeeren, die er gierig herunter schlang. Ein wenig durch das kleine Mahl gestärkt machte er sich wieder auf. Leise und langsam schob er sich vorwärts. Ständig auf der Lauer nach der kleinsten Bewegung oder dem geringsten Laut, den Speer bereit zum Werfen. Er wollte nicht nur verhindern, dass ihm noch einmal eine Beute entwischte, er hatte auch angst, dass die Dämonen ihnen bis hierher gefolgt sein könnten.

Er schob sich um einen Baum herum und erblickte eine kleine Lichtung. Und mitten in dem Licht der untergehenden Sonne stand eine Gruppe von Rehen. Langsam schlich er näher, bis er an ein Gebüsch am Rand der Lichtung kam. Noch hatten die Tiere ihn nicht bemerkt. Er hatte es geschafft!

Wie in Zeitlupe hob er den rechten Arm mit dem Speer in der Hand und beugte ihn weit zurück, um ihn auf das nächste Tiere zu schleudern.

Plötzlich hoben die Rehe mit einem Ruck ihre Köpfe, schnupperten nervös in der Luft und sprangen dann, wie in Panik davon.

Fluchend überlegt Ulfgard noch ihnen den Speer hinterher zu werfen, überlegte es sich dann aber noch einmal. Er würde sie wohl kaum noch treffen, nicht in seinem Zustand. Außerdem waren die Tiere nicht ohne Grund geflohen. Er glaubte kaum, dass sie ihn bemerkt hatten, er hatte diesmal wirklich alle Kniffe für das Anschleichen an eine Beute angewandt, die ihm je jemand beigebracht hatte.

Erneut fluchte er. Dann packte er den Speer fester und stellte sich mit dem Rücken an einen Baum, um nicht von hinten überrascht zu werden. Vorsichtig ließ er seinen Blick umherschweifen. Ihm wurde plötzlich gewahr, dass die Vögel aufgehört hatten zu singen. Völlige Stille war in den Wald eingekehrt.

Panik stieg in ihm auf. Er wollte hier nicht sterben. Er wollte nicht so sterben wie Olaf oder Lothgar. Er wollte nach Hause zurückkehren, die anderen retten. Er wollte Hilde wieder sehen. Ach, Hilde! Hoffentlich ging es ihr gut, hoffentlich war ihr nichts passiert und sie und ihr Vater unberührt von den Ereignissen geblieben.

Ein Knacken ließ ihn auffahren.

Sein Blick huschte zurück zur Lichtung. Irgendwo von dort war das Geräusch gekommen. Angestrengt lauschte er. Es waren stumpfe Schritte, humpelnd. Etwas Großes schob sich mühsam durch das Gebüsch und durchbrach die Äste seitlich von ihm.

Ein gewaltiger Elch mit einer Schulterhöhe von bestimmt zwei Metern humpelte auf die Lichtung. Sein rechter Vorderhuf schien verletzt zu sein, vielleicht von seinem Kampf mit einem Bären. Immer, wenn er versuchte mit diesem aufzutreten, knickte er ein und fing sich mit seinen restlichen Beinen immer noch rechtzeitig kurz vorm Umkippen ab.

Hoffnung und Jagdfieber durchströmte Ulfgard. Hier war die Beute, auf die er die ganze Zeit gewartet hatte. Ein mächtiges Tier, offensichtlich verletzt und deshalb weder in der Lage wegzulaufen noch eine wirkliche Gefahr im Kampf.

Schnell hob er den Speer, spannte seine Muskeln und ließ ihn auf sein Opfer fliegen. Mit aller Kraft verließ das Geschoss seine Hand und flog zielsicher auf die Brust seines Opfers zu.

Der Elch dreht seinen Kopf und blickte Ulfgard an.

Sein rechtes Auge war eine blutige Höhle. Der Schädel halb eingeschlagen und irgendein Tier, Wolf oder Bär hatte schon an seinem Hals gefressen.

Nein! Das darf nicht sein, dachte Ulfgard.

Der Speer bohrte sich in die Brust des Elches, der sich jetzt vollends zu ihm umdrehte, ohne sich um das Geschoss zu kümmern, das in seiner Seite steckte.

Er war verloren. Der Speer, die einzige Waffe, mit der er den Elch hätte auf Distanz halten können, war verschwendet. Nun blieben ihm nur noch seine Axt und sein Schwert. Schon gegen einen normalen Elch wäre es nahezu eine Unmöglichkeit gewesen den Kampf zu gewinnen, wenn er ausgeruht gewesen wäre.

Nun, erschöpft wie er war, gegen ein unteres Monster, war er so gut wie Tod. Und er wusste aus den Erfahrungen der letzten Tage, dass es kein angenehmer Tod sein würde.

Aus der Kehle des Elches drangen Geräusche, erst leise, dann langsam lauter werdend. Es waren Geräusche, wie ein dämonisches Lachen. Ulfgard erkannte es wieder. Es war das irre Gelächter des Priesters, des Missionars, den sie erschlagen hatten, dessen Fluch all das Grauen über sie gebracht hatte.

Das Tier stürmte vorwärts. Kein Humpeln war mehr zu erkennen. Der Speer wurde durch den plötzlichen Ansturm aus der Wunde gerissen und blieb am Boden liegen.

Verzweifelt riss Ulfgard Schwert und Axt heraus. Er streckte das Schwert in der Linken wie einen Speer von sich und erhob die Axt in der Rechten bereit zum Schlag.

Der Elch durchbrach das Gebüsch vor ihm, dann war er heran. Ulfgard lies sich fallen. Knapp über seinem Kopf krachte das Geweih gegen den Baum, an den er sich gelehnt hatte und riss ein gewaltiges Stück Rinde heraus.

Schnell wälzte er sich zur Seite um den Tritten des scharf behuften Tieres zu entgehen. Knapp neben seiner Kehle schnappten die Kiefer mit einem trockenen Klacken zusammen. Geronnenes, schwarzes, stinkendes Blut tropfte aus dem Auge auf sein Gesicht. Er bracht seine Axt zwischen sich und dem Gebiss seines Gegners und stach mit dem Schwert blind zu.

Er spürt wie es auf einen Widerstand traf, daran abglitt und dann in eine weiche Masse eindrang. Irgendetwas Feuchtes fiel auf seine Beine. Der Gestank lies ihn würgen.

Der Elch stieg auf seine Hinterläufe, die vorderen erhoben, um ihn zu erschlagen. Mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit schoss das Tier herab. Wieder wälzte sich Ulfgard in letzter Sekunde zur Seite. Es war einfach zu knapp. Er war zu langsam, lange würde er das nicht mehr durchhalten.

Das Geweih senkte sich und furchte den Boden neben ihn auf, als er verzweifelt auf allen Vieren davon kroch. Blind hieb er mit der Axt nach hinten. Sie traf etwas hartes, blieb zitternd darin stecken und wurde ihn aus der Hand gerissen.

Stolpernd kam er auf die Beine und sprang gerade noch rechtzeitig hinter den Baum. Schon preschte der Elche an der Stelle vorbei, an der er gerade noch gestanden hatte. Gedärme hingen aus seinem Bauch. Seine Axt steckte in dem Geweih, nur wenige Fingerbreit tiefer und sie wäre dem Tier in den Schädel gedrungen und hätten vermutlich dem Ganzen ein Ende gesetzt.

Er packte das Schwert mit beiden Händen, noch hatte der Elch sich nicht umgedreht.

Er blickte sich um. Da hinter ihm war eine Gruppe von kleinen, dicht beieinander stehenden, jungen Haselnusssträuchen. Wenn er sie rechtzeitig erreichen konnte, würden sie ihm einen hervorragenden Schutz vor dem Tier bieten, dessen große Geweihschaufeln, nicht durch die dicht beieinander stehenden Stämme passen würde. Er musste sich allerdings beeilen, denn zwischen seiner jetzigen Position und dem Haselnussstrauch war das Gelände offen und er wäre ohne Deckung dem Elch hilflos ausgeliefert.

Nach einem weiteren kurzen Blick zum Tier, rannte er los. Er mobilisierte sämtliche restlichen Kraftreserven, die ihm noch geblieben waren, dennoch kam er nur quälend langsam voran.

Mit dumpfen Donnern kam langsam der Elch angaloppiert. Die immer lauter werdenden Hufe ließen auch Ulfgard schneller werden, trotzdem würde es knapp werden.

Er übersprang die letzten Meter, spürte den heißen Atem des Tieres an seinen Beinen. Dann bracht er durch die Äste. Zweige schlugen ihm ins Gesicht und hinterließen blutige Striemen. Er prallte gegen einen Stamm. Schmerzhaft bohrte er sich in seine Rippen und trieb die Luft aus seiner Lunge.

Erschöpft blieb er einen Augenblick liegen und erwartete die grauenvollen Schmerzen mit denen das wilde Tier ihn zerreißen würde. Als er nach einigen Sekunden noch lebte, wagte er es die Augen zu öffnen. Er hatte Glück gehabt! Der Sprung hatte ihn weit genug zischen die Haselnüsse getragen, dass er vor dem Tier geschützt war. Dieses tobte nun halb in den Stämmen steckend wild um sich. Es schleuderte seinen Schädel mit dem mächtigen Geweih hin und her, um sich von dem Hindernis zu befreien. Blut spritzte und die Kiefer schnappten in die Luft.

Langsam schob sich Ulfgard an einem Stamm in die Höhe und blieb dann eine Weile nach Atem ringend stehen. Wie erschöpft er doch war. Er hob mühsam sein Schwert und lies er niederfahren. Der Kopf des Elches zuckte zur Seite und sein Schwert wäre ihm beinahe von dem Geweih aus der Hand geschlagen worden.

Verdammt!

Erneut schlug er zu, doch auch diesmal wurde sein Hieb von dem Geweih des Tieres abgewehrt.

Der Elch schaute ihn an und eine teuflische Intelligenz funkelte in dem einen verbliebenen Auge. Immer wilder schlug das Tier um sich und kämpfte sich langsam durch das Hindernis nach vorne zu ihm durch.

Fluchend wich Ulfgard zurück. Sprang mal nach links, dann wieder nach rechts, duckte sich unter Ästen hindurch, bog andere zu Seite, um sie seinem Gegner ins Gesicht schnellen zu lassen und schlug immer wieder mit dem Schwert zu. Doch es half alles nichts. Schließlich war er mit dem Rücken an die verflochtenen Stämme mehrerer Haselsträuche gedrängt und die Kiefer des Elches schnappten nur knapp vor seinem Gesicht zusammen. Es war vorbei, er war verloren. Ulfgard schloss die Augen und wartete auf sein Ende. Es kam nicht.

Als er die Augen wieder öffnete sah er warum. Aus der Wunde, die er dem Elch mit seinem Schwert geschlagen hatte, waren Gedärm und Organe heraus gequollen und hatten sich in dem dichten Gestrüpp verfangen. Das Tier hatte sich selbst gebunden.

Ein brutales Grinsen schlich sich in sein Gesicht. Er packte sein Schwert mit fest mit beiden Händen, suchte sich seinen sicheren Stand. Dann, bevor das Monster reagieren konnte, trieb er die Spitze der Klinge nach oben. Er durchbohrte den Kiefer des Wesens. Sein Schwert drang immer tiefer ein, zerteilte das Gehirn und brach an der Oberseite des Schädels wieder hervor.

Eine halbe Stunde stand er keuchend vor seinem erschlagenen Gegner, bevor er genug Kraft gesammelt hatte, um aus dem Gestrüpp zu treten, seine Waffen aufzusammeln und sich auf den Marsch zu den anderen zu machen.

Er hatte Glück. Auf dem Rückweg gelang es ihm sogar zwei Kaninchen zu erlegen.

Leseprobe 2

Da sie nun einen ganzen Tag Zeit hatten zu tun, was immer sie wollten, ging jeder seiner Wege.

Svenson legte sich wieder hin. Er sah nicht gut aus, ihn hatte die ganze Sache am meisten zu schaffen gemacht. Hilgir, Oski und Thorson machen sich auf um was zu essen und zu trinken zu finden. Lasse blieb beim Hetman, zusammen planten sie die Einzelheiten der Rettungsaktion. Swidur zog sich mit Wulfbrod zurück.

„Sieht so aus, als blieben wir beide alleine zurück.“

Lächelnd kam Marius auf ihn zu. Ulfgard lächelte zurück. Er mochte den Mann, auch wenn er Christ war. Vielleicht lag es an seiner freundlichen, offenen Art. Er sah ihn sich genauer an. Marius hat helle, schmutzig braune Haare, die ihm in losen Strähnen ins Gesicht fielen und fasst die strahlend blauen Augen verdeckten. Er trug eine einfache braune Robe aus grober Wolle, die an der Hüfte durch eine Kordel zusammengehalten wurde. An seinen Füßen trug er lediglich Ledersandalen, die aussahen als hätten sie ihre besten Tage schon hinter sich.

„Nun, irgendwie konnte ich mich mit keinem der gemachten Vorschläge anfreunden. Es ist einfach zu früh zum Schlafen, ich bin nicht in der Stimmung mich zu betrinken und auf ernsthafte Gespräche und Problemdiskussionen kann ich im Moment erst recht verzichten.“

„Das kann ich gut verstehen. Was haltet ihr davon, wenn ich euch ein wenig die Stadt zeige, vielleicht bringt euch das auf andere Gedanken.“

Ulfgard gefiel die Idee und so stimmte er zu. Zusammen verließen sie die Hallen Alphers und machten sich auf zuerst über den Markt zu schlendern, bevor sie sich in die engen Gassen der Krämer und Handwerker stürzten.

Das Gemenge war überwältigend. So lange der Markt geöffnet hatte, strömten so viele Händler und Bauern aus dem Umland herbei ihre Sachen zu verkaufen, dass die Bevölkerung der Stadt gut auf das doppelte anwuchs. Überall rannten Kinder spielend herum. Marktschreier priesen ihre Waren an. Eine unglaubliche Lawine aus den verschiedensten Gerüchen und Geräuschen brach über Ulfgard herein. Das war er nicht gewohnt. Er kannte nur die Ruhe des Dorfes oder das Schreien einer eroberten Stadt. Dies war eine völlig neue Erfahrung für ihn. Sie gefiel ihm.

Was auf den ersten Blick unordentlich und chaotisch aussah, entpuppte sich als das Spiel geheimer Kräfte, welche Menschen mal zur einen mal zur anderen Seite trieb, sie an bestimmten Ständen stehen lassen an anderen vorbeigehen ließ. Er beobachtete Frauen beim Feilschen mit Fischhändlern. Was er vorher als einen Verfall der Sitten und des guten Umgangs miteinander angeprangert hätte, übte nun einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn aus. Er erkannte die Regeln, die diesem Kampf zu Grunde lagen und es brannte in ihm sich auch einmal darin zu versuchen. Es schien ihm wie ein Zweikampf zwischen zwei Kriegern, die sich vorher auf bestimmte Regeln geeinigt hatten und nun ihre Kräfte maßen.

„Sagt, Marius“, begann er, sprach dann aber nicht weiter.

„Ja? Wenn ihr eine Frage habt, könnt ihr sie gerne stellen, ich werde versuchen sie so gut wie möglich zu beantworten.“

„Nun gut, ich frage mich nur… in unserem Dorf sind alle Toten auferstanden und aus ihren Gräbern ausgebrochen, hier jedoch…“, er hob fragend die Schultern, nicht wissend, wie er fortfahren sollte.

„Hm, ich habe mir auch schon darüber Gedanken gemacht. Ich glaube es liegt daran, dass Wulfbrod und ich jede Beerdigung, unabhängig von dem Glauben des Verstorbenen, gemeinsam abhalten. Es könnte sein, dass der christliche Segen über den Gräbern die Toten daran hindert aufzustehen, immerhin wurde der Fluch auch von einem Christen unter Anrufung Gottes ausgesprochen.“

Ulfgard nickte. Er hatte sich schon so etwas gedacht.

„Warum lässt dein Gott solch eine Tat zu?“

Lange schwieg Marius zu dieser Frage. Sie schlenderten währenddessen weiter über den Markt, an den Ständen vorbei. Als Ulfgard schon dachte Marius würde nicht mehr antworten und eine neue Frage stelle wollte, holte dieser tief Luft.

„Nun, das ist etwas, was ich mich schon seit langem selber frage.“

Interessiert blickte Ulfgard den jungen Mann an.

„Wisst ihr Jesus spricht in der Bibel von Gewaltlosigkeit und Vergebung, doch ich sehe in der Welt überall nur Hass, Mord und Rache. Gott spricht von Frieden und die Welt vergeht in Feuer und Blut, selbst der Papst als höchster Vertreter Gottes auf Erden schämt sich nicht das Schwert persönlich zu schwingen und Armeen in die Schlacht zu führen.“

Er schüttelte den Kopf.

„Das ergibt für mich alles keinen Sinn. Warum lässt Gott solche Taten zu, wo er doch allmächtig ist und sie mit solcher Leichtigkeit beenden könnte, wie ihr einem Huhn den Hals umdrehen könnt.“

Ulfgard dachte über die Worte nach. Er verstand die Zweifel, die Marius befallen hatten. Es waren dieselben Zweifel, die auch schon Swidur geplagt hatten.

„Auch unser Priester wird in letzter Zeit von Zweifeln ob der Macht der Götter geplagt. Früher hat ein Wort von ihm ausgereicht, Wind und Wetter zu kontrollieren, heute kann er noch nicht einmal mehr für eine sichere Ernte garantieren. Er meinte mal, er haben den Eindruck die Götter würden sich von der Erde zurückziehen. Vielleicht geschieht mit deinem Gott ähnliches?“

Marius lachte kurz und gequält.

„Mein Gott kann sich nicht zurückziehen. Er ist alles, ohne ihn ist nichts. Er ist in allem und jedem. Er war immer und wird immer sein.“

„Das fällt mir schwer sich vorzustellen. Wie soll etwas ohne Anfang sein. Irgendwie muss doch auch dein Gott entstanden sein?“

„Er ist nicht entstanden, weil er schon immer da war.“

Nun brach Ulfgard in schallendes Gelächter aus.

„Ihr Christen seid echt komisch. Welcher Mensch mit einem gesunden Verstand glaubt denn so etwas? Diese Welt hat einen Anfang gehabt, sie wird ein Ende haben und genauso sind auch die Götter irgendwann einmal geboren worden und werden irgendwann einmal sterben. Brekki, die Hexe, ist jetzt schon siebenhundert Jahre alt und hat bis vor kurzem noch nie etwas von eurem Christengott gehört. Wo war er denn vorher? Und warum hat er sich nicht bemerkbar gemacht, wenn er doch so mächtig ist?“

Marius öffnete den Mund für eine scharfe Erwiderung, schloss ihn dann wieder. Dieser Krieger hatte ihn mit seinem Gelächter in seinem Glauben verletzt, doch das war nicht der richtige Zeitpunkt zum Streiten. Die Vorstellungen seiner Religion waren für die Menschen hier fremd und neu und gerade für jemanden, der so tief in seinem alten Glauben und Traditionen verwurzelt war, wie Ulfgard mussten die christlichen Anschauungen lächerlich wirken.

„Nun, es mag auf dich befremdlich wirken und doch ist es das, woran ich glaube, ebenso wie viele andere Europäer und auch vieler deiner Landsleute.“

„Ja, eine Schande ist es. Sag mir, was ist mit diesem Mu… Mo… Muhammad? Wir haben einmal ein muslimisches Handelsschiff… äh… aufgegriffen. Die Besatzung versuchte uns zu bekehren. Sie hielten uns erst für Christen und erzählten uns, wir hätten die falsche Lehre, die Bibel wäre voller Irrtümer und nur im Koran würde die reine Wahrheit stehen. Eine Wahrheit, die ihrem Propheten von Gott persönlich diktiert worden sei und nicht von irgendwelchen Bauern Jahren nach den eigentlichen Ereignissen aufgeschrieben wurden. Ihre Argumentation schien mir sehr schlüssig. Ihr Pech, dass wir keine Christen waren, hätte ihnen vielleicht das Leben gerettet.“

Einen Moment war Marius entsetzt mit welcher Beiläufigkeit Ulfgard über das Töten von Menschen sprach, dann entspannte er sich wieder. Dieser Mann war einem Orden bei getreten, dessen Mitglieder schworen einen heldenhaften Tod im Kampf zu finden, um in Odins heiligen Hallen einzugehen. Wie sollte er nicht an Gewalt, Mord und Tod gewöhnt sein. Es war für ihn wahrscheinlich nicht ungewöhnlicheres als es für Marius war ein Gebet in seiner Kirche zu halten. Was für eine schreckliche Religion, deren Gebete in den Hieben der Schwerter zu liegen schienen. Zum Glück wusste Marius es besser, wusste, dass diese Religion vielschichtiger war.

„Muhammad mag glauben das Wort Gottes zu verbreiten, doch ist er es, der sich irrt. Der Papst und die meistern meiner Kollegen glauben, er sei den Einflüsterungen Satans erlegen.“

„Und was ist eure Meinung?“

Marius blieb stehen und dachte nach. Das war eine gefährliche Frage, eine falsche Antwort konnte ohne weiteres den Tod als Ketzer bedeuten. Aber er vertraute dem Kämpfer, er würde ihn nicht verraten oder anschwärzen. In der Hinsicht war er ehrenhafter und, ja, christlicher als so mancher Christ, den er kannte.

„Ich selber glaube…, dass Gott sich mehr als nur einmal offenbart hat … oder haben könnte. Vielleicht hat Gott seine Lehre den Völkern angepasst. Die Juden etwa glauben, wir lägen falsch, die Moslems glauben es ebenfalls. Wir Christen dagegen behaupten die anderen wären es, die sich irrten. Wer ist jetzt im Recht, wer nicht?“

Er machte eine kurze Pause.

„Ich glaube es ist letztlich eine Frage die sich nicht beantworten lässt. Entweder man glaubt an Gott oder nicht.“

Ulfgard runzelte die Stirn.

„Ich glaube, ich verstehe euch.“

Was für komische Menschen, anstatt einfach an mehrere Götter zu glauben, hielten sie sich krampfhaft an ihrem einzelnen fest und rotteten sich lieber gegenseitig aus, als auch nur ein winziges Stück nachzugeben.

Ulfgard hatte geschworen im Kampf für seinen Gott zu sterben und er hatte in mehr als einer Schlacht gekämpft, in der das gegnerische Heer im Falle eines Sieges den Göttern als Opfer versprochen worden war und bis auf den letzten Mann ohne Gnade niedergemacht wurde. Doch das kam selten vor und geschah nach festen Regeln. Es war kein Vergleich zu dem Fanatismus mit dem sich Christen und Moslems gegenseitig abschlachteten. Es schien ihm so, dass der Blutrausch, den er durch Zauber und Drogen im Kampf erreichte, diesen Menschen allein schon durch ihre Religion zugetragen wurde.

Es war vielleicht vergleichbar mit dem Hass, den Thor den Riesen gegenüber verspürte, nur dass man nicht sagen konnte wer nun Thor und wer nun die Riesen waren.

„War deine Familie denn schon immer christlich?“ wollte er wissen.

„Nun seit einigen hundert Jahren bestimmt, aber davor haben sie heidnische Götter angebetet…“ Wie du selbst, hätte er beinahe hinzugefügt, verkniff es sich aber noch. Es wäre nicht recht, sein gegenüber so zu beleidigen.

„Huldigst du dann deinen Vorfahren nur soweit sie Christen waren oder auch den anderen?“

„Ich huldige meinen Vorfahren gar nicht.“

Das erstaunte Ulfgard.

„Wie werden sie denn in der Nachwelt versorgt, wenn nicht durch deine Huldigung. Entziehen sie denn nicht deinem Geschlecht ihre Unterstützung.“

„Gott kümmert sich um meine Vorfahren, zumindest um die, welche sich zum Christentum bekannt haben. Und ich benötige nicht die Hilfe irgendwelcher vorfahren, wenn Gott auf meiner Seite ist.“

„Was ist mit denjenigen unter deinen Vorfahren, die keine Christen waren, wer kümmert sich um sie?“

Das war in der Tat ein wunder Punkt, wie Marius wusste.

„Äh, als Heiden verbringen sie ihre Nachleben nicht im Himmel, sondern in der Hölle bei Satan.“

„Auch die großen Krieger und Helden?“

Verlegen bejahte Marius die Frage.

Was für eine merkwürdige Religion ist denn das, fragte sich Ulfgard. Verstößt die eigene Familie, nur um einer egomanischen Gottheit zu huldigen.

Schnell versuchte Marius das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken.

„Als Krieger, seid ihr da eigentlich verheiratet? Habt ihr Kinder?“

Doch als er die Trauer in das Gesicht von Ulfgard fahren, seinen Körper schrumpfen sah, bedauerte er es sofort gefragt zu haben.

„Es tut mir Leid. Ich wusste nicht…“

„Es ist gut. Meine Frau lebt auf einen großen Hof weit außerhalb des Dorfes. Wir haben erst wenige Tage vor dem Unglück geheiratet und sie ist zu ihrem Vater zurückgekehrt, um noch ein paar Sachen abzuholen. Zum Glück, wie man jetzt im Nachhinein sagen kann, dennoch mache ich mir große Sorgen um sie. Kinder haben wir allerdings noch nicht. Wie sieht es bei euch aus? Seid ihr verheiratet?“

„Meine einzige Liebe gilt Gott, Jesus und der heiligen Jungfrau Maria. Ich lebe im Zölibat“, antwortete er stolz.

Was für eine beschissene Religion, dachte Ulfgard.

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Der Beitrag wurde am Montag, den 15. Februar 2010 um 16:34 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt.

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Eine Reaktion zu “Die letzten Söhne des Nordens”

  1. Tommy Biase sagt:

    Netter Artikel. Ich schaue jetzt weiter hier auf der Seite.

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